Selbstdarstellung

Isabella Zins, 06.06.2011

Stellungnahme von Dir. Mag. Isabella Zins im Rahmen der Gründungs-Pressekonferenz am 6. 6. 2011

Die Bildungsplattform Leistung & Vielfalt will der Öffentlichkeit die Augen öffnen und auf Grund von Studienergebnissen und Fakten aufzeigen, wie die Menschen durch das so genannte „Bildungsvolksbegehren“ getäuscht werden:

  1. Das Androsch-Volksbegehren ist nicht unabhängig oder gar überparteilich, sondern wird massiv von einer ganzen Parteiorganisation (SPÖ) unterstützt: Jede Woche wird von SPÖ-Funktionären auf Marktplätzen um Unterschriften geworben. Ein großes Werbeunternehmen, das übrigens auch vom bm:ukk Großaufträge bekommt, sorgt für die PR.
  2. Gefährlich schön klingende No-na-Forderungen, z. B. nach einem fairen, effizienten und weltoffenen Bildungssystem, verschleiern die Tatsache, dass damit tatsächliche eine „Gesamtschule“ bis zum Ende der Schulpflicht gemeint ist. Es stellt sich hier doch die Frage: Warum schickt Herr Androsch seinen jüngsten Sohn (so wie seine älteren Kinder) in eine teure Privatschule und nicht in eine der neuen Mittelschulen, die es in Wohnortnähe bereits gibt? Dasselbe gilt für die Vertreter der Industriellenvereinigung, die offensichtlich Wasser predigen und Wein trinken. Wir wollen diesen Herrn nicht unterstellen, dass sie bewusst eine Verlagerung der Qualität vom öffentlichen ins private Schulwesen anstreben (vgl. OECD-weites Steigen der Privatanteile an den Bildungskosten, vor allem in den Gesamtschulländern: in Ö betragen die privaten Kostenanteile nur 4 %, OECD-weit 16 %). Doch was erwarten Sie sich wirklich von einer Gesamtschule: ein besseres Niveau der zukünftigen Lehrlinge?

Wir fordern im Gegensatz ein qualitativ hochwertiges öffentliches Schulsystem als Garant für beste Bildung für den Mittelstand, damit es eben zu KEINER sozialen Selektion kommt! Apropos „Selektion“: Wussten Sie dass sich die Anzahl der Studienabschlüsse innerhalb von acht Jahren (zwischen den Studienjahren  2001/02 und 2008/09) verdoppelt hat, nämlich von 19.239 auf 38.965? Soviel zur niedrigen Akademikerquote in Österreich!

Mich ärgert der Begriff Selektion ebenso wie die Tatsache, dass von den „Wiener Verhältnissen“ auf ganz Österreich geschlossen wird. Aus der Praxis an meinem Schulstandort (Bezirkshauptstadt Mistelbach) weiß ich: Derzeit schaffen es die qualitativ hochwertigen Hauptschulen mit ihren 1. Leistungsgruppen so wie die AHS-Unterstufen (noch?) gut, SchülerInnen auf die Sekundarstufe II vorzubereiten, was man von der Wiener KMS (=kooperative Mittelschule) nicht behaupten kann: SchülerInnen, die von dort kommen, haben meist einen großen Nachholbedarf oder scheitern am Anspruchsniveau der 5. Klasse ORG.

Die Realisierung der von Androsch gewollten “gemeinsamen Schule bis zum Ende der Schulpflicht” würde also ganz sicher zu einer Leistungssenkung führen: Die Forderung nach „individuellem Unterricht mit innerer Differenzierung“ bedeutet de facto eine Abschaffung der Leistungsgruppen! Innere Differenzierung in völlig inhomogenen Gruppen, auch „Binnendifferenzierung“ genannt, muss zwangsläufig  zur Überforderung für SchülerInnen und LehrerInnen führen. Zahlreiche Studien1  bestätigen das. Wer heute glaubt, eine Lehrkraft könne im Klassenunterricht allen 25 (in der Oberstufe 36) Kindern gleichermaßen gerecht werden, wenn sie nur methodisch kompetent genug sei, der glaubt an den pädagogischen Weihnachtsmann.

Was es ebenso zu bedenken gilt: Wer wird die viel höheren Kosten für die Androsch-Gesamtschule tragen? Es ist zu befürchten, dass das sicher teilweise sinnvolle, aber teure BegleitlehrerInnen-System, das derzeit im Schulversuch erprobt wird, aus Kostengründen bzw. zusätzlich auf Grund des drohenden LehrerInnenmangels nie flächendeckend umgesetzt wird! Zurück bleiben überforderte und frustrierte Lehrkräfte, die tagtäglich zu scheitern drohen.

Daher fordert die Plattform Leistung & Vielfalt Verbesserungen im System, aber auf Basis von Fakten und Studienergebnissen, die zwar in großer Zahl vorhanden sind, doch bisher wenig gehört wurden (vielleicht, weil sie nicht ins Gesamtschul-Bild passen?)

Aus meiner Sicht als Direktorin brauchen die Schulen mehr pädagogische und organisatorische Freiräume: Nur in einem vielfältigen und auf Leistung bedachten System ist eine begabungsgerechte Förderung der SchülerInnen – je nach ihren Anlagen und Talenten - möglich!


1 unter anderem Treiber und Weinert (1982, 1985), Baumert et al (1986), die Hamburger LAU-Studien (Lehmann et al., 1997 bis 2002), die Berliner ELEMENT-Studie (Lehmann & Lenkeit, 2008), die hessische LifE-Studie (Fend et al., 2009) usw.]

  • (15.03.2016)

    Wir laden alle unsere Mitglieder und Unterstützer ein, die Petition "Die Mitspracherechte der Schulpartner/innen müssen erhalten bleiben!" zu unterschreiben.

    (Zur Petition)

  • (09.12.2015)

    Der Vorstand der Bildungsplattform ruft die Mitglieder des Vereins auf, dem Verein "pro Gymnasium" ebenfalls als Mitglieder beizutreten.