Schule von heute - auf dem Daten-Highway to Hell?

Isabella Zins, 23.03.2014

Als „größten Datenskandal der österreichischen Schulgeschichte“ bezeichnete Mag. Dr. Eckehard Quin, Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft, das am 26. Februar 2014 bekannt gewordene BIFIE-Datenleck. Sowohl Ergebnisse von SchülerInnen als auch private Mailadressen von LehrerInnen waren unverschlüsselt auf einem rumänischen Server aufgetaucht. Abgesehen von der mehr als fragwürdigen Vorgangsweise, dass die Fa. Kapsch einen hochdotierten Auftrag des BIFIE offensichtlich an Subfirmen im Billiglohnland Rumänien weitervergeben hat, und abgesehen davon, dass die Sicherheitslücke nach dem Motto „nichts sehen, nichts hören, nichts reden“ zehn Wochen lang sowohl vom BIFIE als auch von der neuen Ministerin negiert wurde:

Die Geister, die ich rief…

Tatsache ist, dass heute offensichtlich niemand mehr die Sicherheit von Daten im World Wide Web garantieren kann. Jedes System kann von kundigen IT-SpezialistInnen gehackt werden, mit persönlichen Daten und Ergebnissen kann jederzeit ein böses Spiel getrieben werden – zum privaten und beruflichen Schaden von Menschen.

Dabei sollte aus meiner Sicht in allen Bereichen selbstverständlich gelten: Die Einführung neuer Technologien wird erst dann gestartet, wenn die Frage der Sicherheit geklärt und Nutzen und Praktikabilität garantiert sind. All das scheint im Moment nicht gegeben zu sein, wenn man an die Pannen bei der Einführung von neuen Buchhaltungs- und Schülerverwaltungsprogrammen oder die Durchführung von zentralen BIFIE-Testungen denkt. Dass die Ministerin dem Aufruf der ARGE LehrerInnen, alle Tests sofort zu stoppen, unverzüglich nachkam, zeigt, wie tief der Karren bereits im Dreck stecken dürfte. Die Ministerin will – nach 10-wöchiger Lethargie - alles restlos aufklären lassen und gibt sich gelassen: Die zentrale Matura starte ja erst 2015! Dabei sind durch Schulversuchsschulen über 90 Prozent der Gymnasien schon heuer betroffen, und Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen müssen sich schon im Mai darauf verlassen können, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht. Nicht auszudenken, wenn Lücken im Sicherheitssystem auftreten und die heurigen Maturaergebnisse dadurch wertlos und irrelevant würden! Und so sind wir wieder mitten in einer Diskussion über die Zentralmatura, die interessanterweise schon VOR Bekanntwerden des Daten-Skandals für Zündstoff gesorgt hatte.

„Matura light“ – gerecht und fair?

Bewusst (?) falsch waren nämlich die kritischen Überlegungen von Eckehard Quin in manchen Medien dargestellt worden: Plötzlich erschien er, der selbstverständlich immer für die hohe Qualität der Matura eintritt, als Befürworter der von Ex-SPÖ-Bildungssprecherin Laura Rudas[1] angedachten Abschaffung derselben. Tatsächlich bezeichnete der höchste AHS-Vertreter die vollzentrale Matura, die Mindeststandards abprüft und sich fairerweise am Niveau der leistungsschwächsten Klassen Österreichs orientieren muss, als „Matura light“ und als „schlechter als keine Matura“ (Der Standard, 26. 2. 2014). Er drückte damit natürlich nicht den Wunsch nach einer Abschaffung der Matura aus, sondern nach einem Überdenken des Modells, das im kommenden Jahr flächendeckend umgesetzt wird. Diese Matura auf niedrigem Niveau wird den AbsolventInnen zwar auf dem Papier eine allgemeine Studienberechtigung bescheinigen, von den Universitäten und Fachhochschulen aber immer weniger als Bestätigung der Studierfähigkeit akzeptiert werden. Daraus folgen Aufnahmeverfahren als Einstiegsvoraussetzung für immer mehr Studien. Und so führt die Absicht, etwas mehr Gerechtigkeit ins System zu bringen, zu noch größerer Ungerechtigkeit, was auch immer mehr SchülerInnen und Eltern bewusst wird. Ist es etwa gerecht, dass GymnasiastInnen aus einem Sprachenzweig mit mehr Wochenstunden dieselben zentralen Englisch-Aufgaben bekommen wie AbsolventInnen naturwissenschaftlicher Zweige mit mehr Stunden in Mathematik?

Ist es gerecht, wenn sie von vornherein bessere Chancen auf eine gute Zeugnisnote haben und dadurch vielleicht Vorteile bei Aufnahmeverfahren erzielen?

Ist es etwa gerecht, dass die meist aus den Hauptschulen bzw. NMS kommenden ORG-SchülerInnen, von denen – wie zuletzt die Bildungsstandard-Testergebnisse gezeigt haben – die meisten beim Start in die Oberstufe einen beträchtlichen Nachholbedarf haben, bei der Matura nach vier Jahren mit demselben Maß gemessen werden? Ist es etwa gerecht, dass ihnen zusätzliche Unterstützung im Vorhinein verweigert wird? Die Fragen ließen sich beliebig fortsetzen.

Hätten das Ministerium und das BIFIE von Anfang an auf die Einwände der SchulpartnerInnen gehört, hätten wir heute eine teilzentrale Matura: mit zentraler Überprüfung der Mindeststandards UND wie bisher von LehrerInnen erstellten Elementen, die die Schulform, die Schwerpunktsetzung und die Besonderheit der Klassen widerspiegeln. Nur bei positivem Bestehen beider Teile würde man diese Matura bestehen. Und diese Matura wäre noch dazu bei weitem billiger und einfacher umzusetzen. Doch wer hört schon auf ExpertInnen der Praxis?

Umso erfreulicher, wenn sachkundige Stimmen die LehrerInnen-Sicht bestätigen: „Löst das BIFIE auf – und zwar so rasch wie möglich! Die heutige Schule braucht etwas anderes als ständig leeres Gerede über Kompetenzen und Serien von Tests, die man Unbefugten zugänglich macht“, meinte Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner vor kurzem (Die Presse, 27. 2. 2014). Meiner Ansicht nach hätte das BIFIE, das zur Zeit von vielen als willfähriger Handlanger der Bildungsministerinnen auf ihrem Weg zum Ziel „Gesamtschule“ wahrgenommen wird, durchaus seine Daseinsberechtigung, würde es sich um einen Konsens über Bildung bemühen und Schulen vor der Ergebnis-Testung bei der bestmöglichen Vermittlung unterstützen.

Die Schule zwischen Skylla und Charybdis

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt die lange Tradition der „Systemdebatte“ rund um die Schule der 10- bis 14-Jährigen. Die Fülle an Reformen seit dem 18. Jahrhundert führt den LeserInnen der VCL-News ein profunder Artikel DES österreichischen Experten in Sachen Bildungsgeschichte vor Augen: HR Mag. Dr. Dr. h.c. Helmut Engelbrecht, Ehrenobmann der VCL Österreich, hat alle Fakten über die wechselvolle Geschichte der Sekundarstufe I zusammengetragen (vgl. „Kampffeld Sekundarstufe I“ (Teil 1) genau in der Mitte dieser VCL News-Ausgabe – zum Heraustrennen und Sammeln). Im Wissen um die Geschichte unserer Schule wird deutlich: Es gab und gibt keinen Stillstand im Bildungswesen. Damals wie heute geht es um die Suche nach einem leistungsstarken und gerechten System, und bereits im Jahr 1908 kleidete der damalige Unterrichtsminister Dr. Marchet seine Zweifel am Funktionieren einer Einheits-Mittelschule in folgenden treffenden Vergleich: „Ob es eine Einheitsschule wird geben können, welche weder an der Scylla der Überbürdung noch an der Charybdis der Lückenhaftigkeit zerschellt, wer würde es voraussehen?”

Es ist längst erwiesen, dass ein vielfältiges System den vielfältigen Begabungen am ehesten gerecht wird und bloße „Output-Messungen“ noch kein System besser gemacht haben. Dennoch hält die Bildungspolitik (noch) an diesem Weg fest, der sich hoffentlich nicht als „Daten-Highway to Hell“ erweist und die österreichische Schule ruiniert statt verbessert.

„Tatsächlich hängt es allein von den Lehrerpersönlichkeiten ab, von ihrem Zusammenspiel, ihrem Engagement, von ihrem fachlichen und pädagogischen Können, ob Schule gelingt – im Normalbetrieb wie auch bei all dem, was über das solide Unterrichten im Alltag hinausgeht. Viel wichtiger als die ad nauseam geführten Diskussionen über Schulformen, viel wichtiger als das zentrale Testen von ‚Kompetenzen‘ ist die Sorge des Staates um eine gute Ausbildung der Lehrer“, meint Prof. Taschner im oben erwähnten Artikel. Aus meiner Sicht hat das zentrale Testen nur dann Sinn, wenn aus den Ergebnissen statt Rankings Erfolgsfaktoren einer guten Schule und eines erfolgreichen Unterrichts abgeleitet werden: Was machen Schulen mit guten Ergebnissen anders? Welche Rahmenbedingungen, welches Führungsverhalten von SchulleiterInnen, welche Pädagogik und Methodik, welche Spielregeln der Schulgemeinschaft tragen zu einem leistungsfördernden Schulklima bei? Nur im Dienste dieser Fragestellungen haben zentrale Testungen ihre Berechtigung – und nur dann, wenn Ministerium und BIFIE volle Datensicherheit garantieren können!

Es ist höchst an der Zeit, dass die Verantwortlichen ihre Hybris ablegen und Demut zeigen: im Blick auf das Wesentliche, nämlich die Bildung, im Umgang mit den vielen höchst engagierten Menschen im Bildungssystem und beim Einsatz von Technologie IM DIENSTE der Bildungsarbeit. Technologie darf nicht die Menschen beherrschen, sondern muss von ihnen beherrschbar sein und beherrscht werden. Technologie hat nur dann ihre Berechtigung, wenn sie die PädagogInnen unterstützt, von Bürokratie entlastet und Konzentration auf das Wesentliche ermöglicht: die hochsensible, fordernde und im besten Fall schöne und erfüllende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

 



[1] Dass eben diese Politikerin - als vehemente Gegnerin jeglicher Studiengebühren - das politische Parkett nun in Richtung einer teuren Elite-Universität verlässt, um ein einjähriges Masterstudium um 120.000 Euro zu absolvieren, führt mir wieder einmal die Doppelmoral linker BildungspolitikerInnen vor Augen, die öffentlich die gleiche Gesamtschule für alle fordern, aber für sich selbst als die „Gleicheren“ – Orwell lässt grüßen - teure Privatinstitute bevorzugen.

 

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung