Der begabte Lehrer und sein Feind

Günter Schmid, 25.10.2014

(Dieser Artikel erschien zuerst in Unterbergers Tagebuch und wurde dann in den VCL-News nachgedruckt.)

Ob es ein kluger Schachzug des neuen ÖVP-Obmanns war, einen deklarierten Lehrerhasser zu seinem Berater in Schulangelegenheiten zu machen, ist fragwürdig. Und zwar auch dann, wenn dieser Berater die verspätete Rachsucht mancher noch von eigenen Schulkomplexen traumatisierten Menschen publikumswirksam bedient. Denn „gute Schule“ steht und fällt mit den Lehrern.

Sie allein sind es, die den Hauptakteuren des schulischen Geschehens, den Schülerinnen und Schülern, jene Gelingensbedingungen schaffen können (und die große Mehrheit versucht dies auch erfolgreich), die jedem und jeder von ihnen durch „lebensgestaltendes Lernen“ eine optimale Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen und sie damit im günstigen Fall auch zu Gestaltern der Gesellschaft im Ganzen heranreifen lassen. Darin – und nicht im Heranziehen „braver“ Vollzugsorgane und strammer ideologischer Gefolgsleute – liegt nämlich die wahre Aufgabe von Schule.

Der Aufschrei, den Mitterlehners Personalentscheidung in Lehrerkreisen ausgelöst hat, ist nachvollziehbar, wenn man sich an den reißerischen Bestsellertitel erinnert, in dem Lehrer als „Feinde“ der Schüler desavouiert werden; oder an Aussagen im ORF-Mittagsjournal (O-Ton Salcher auf die Frage, ob „Mitterlehner lieber auf die Stimmen der Lehrer verzichten und dafür die der Eltern und der Wirtschaft einsammeln“ solle: „Na ja, ich glaube, jeder Politiker, der die Grundrechnungsarten beherrscht, der wird sehr schnell zu diesem Schluss kommen“). Wer kann es pädagogischen Profis verdenken, dass sie sich als Politik-Berater in Schulangelegenheiten eher jemanden gewünscht hätten, der auch schon einmal unterrichtend vor einer Klasse gestanden ist und dessen Erfahrung mit Schule sich nicht auf seine eigene, lang zurückliegende Rolle als Schüler beschränkt?

Allerdings muss man Andreas Salcher bescheinigen, dass er sich immer für Schule interessiert hat. Als Bernhard Görg in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen „Macher“ suchte, der für seine Idee einer „besonderen Schule für besonders Begabte“ das Vorfeld bereiten sollte, war Andreas Salcher der richtige Mann am richtigen Platz. Ohne seine erfolgreiche Vorarbeit hätte es nie dazu kommen können, dass im Jahr 1997 der damalige Präsident des Wiener Stadtschulrats, Kurt Scholz, an den Direktor des Wiedner Gymnasiums die Anfrage richtete, ob er bereit sei, an „seiner“ Schule die Sir-Karl-Popper-Schule zu begründen.

Es ist Andreas Salcher (ebenso wie dem eigentlichen „Erfinder“ der Sir-Karl-Popper-Schule, Bernhard Görg) auch hoch anzurechnen, dass der von mir (ich war der genannte Direktor)  damals gestellten Bedingung zu hundert Prozent entsprochen wurde: Niemand dürfe mir je bei der Installierung und Weiterentwicklung der Sir-Karl-Popper-Schule pädagogisch oder schulorganisatorisch in irgendeiner Weise dreinreden. Diese war ja von ihren Erfindern ursprünglich als elitäre, kostenpflichtige und ausschließlich ausgewiesenen Hochbegabten vorbehaltene Sonderform gedacht gewesen. Auf der Grundlage einer innovativen „pädagogischen Philosophie“, die sich an der aktuellen Situation und den betroffenen Menschen orientierte, wurde es möglich, die Schule zu einem „Entwicklungslabor“ für eine wissenschaftlich fundierte, professionelle Begabungsförderung umzufunktionieren, die ohne verpflichtendes Schulgeld prinzipiell allen offen stand (auch das war eine meiner Bedingungen gewesen).

Angesichts dieser seiner bildungspolitischen Vorgeschichte, auf die Andreas Salcher ja selbst immer wieder gerne verweist, scheint es ungerechtfertigt, ihn einer nivellierenden Tendenz zu verdächtigen. Damit scheint eines der Hauptbedenken jener, die in seiner Person eine Gefährdung des derzeit noch durchaus herzeigbaren österreichischen Bildungsniveaus erblicken, ausgeräumt. Wer sich einmal so sehr für ein separatives System exponiert hat und so prononciert für eine Sonderbehandlung so genannter „Hochbegabter“ eingetreten ist, könnte sich gar nicht für ein Gesamtschulsystem engagieren, ohne seine Glaubwürdigkeit restlos zu verlieren. (Nebenbei bemerkt: Die aktuelle Bildungswissenschaft ist von einer dermaßen extremen Auslegung des Segregationsprinzips, wie sie damals noch von Salcher & Co vertreten wurde, längst abgerückt: was früher als spezifische „Hochbegabtenförderung“ beworben wurde, geht mittlerweile in einer inklusiven „Personorientierten Begabungsförderung“ auf, vgl. das soeben im Beltz Verlagunter obigem Titel erschienenen Handbuch des internationalen Autorenteams Weigand/Hackl/Müller-Oppliger/Schmid.)

Wer an dieser Stelle einwendet, dass einige der Aussagen Salchers und seine unselige Affinität zu der kläglich gescheiterten Katastrophenministerin Schmied dennoch Anlass zur Sorge bereiten, möge bedenken, was es bedeutet, dem „Fluch des Bestsellers“ ausgesetzt zu sein. Ein Verleger, dem es nicht um Inhalte, sondern um Auflagenzahlen geht, kann schon einmal „seinen“ Erfolgsautor vor sich hertreiben – und sei es auch in Sackgassen. Und manches von dem, was Andreas Salcher in letzter Zeit von sich gegeben hat – so etwa der Hinweis auf die Wichtigkeit der Frühförderung –, ist ja auch durchaus richtig (wenngleich nicht neu). Man sollte sich daher nicht in irrationalen Befürchtungen ergehen, bloß weil sich jemand von einer vom Boulevard im Verein mit dem ORF aufgehetzten öffentlichen Hysterie als populistische „Waffe“ missbrauchen lässt.

Wünschenswert wäre freilich, wenn er als „Berater“ jene unsäglichen Zahlenspielereien, mit denen die Öffentlichkeit in sämtlichen Medien, vom ORF bis hin zur einstmals seriösen „Presse“, tagaus, tagein gegen die Lehrer aufgehetzt wird, jenem selbsternannten „Experten“ überließe, der schon in seiner Zeit als Finanzminister bewiesen hat, dass er sich mit der Interpretation von Zahlen schwer tut. Es sollte Hannes Androsch vorbehalten bleiben, vom „teuersten Schulsystem der Welt“ mit den „schlechtesten Ergebnissen“ zu schwadronieren. Hier zur besseren Information die tatsächlichen Zahlen: Bildungsausgaben in Prozent vom BIP: Österreich: 5,7%; OECD-Mittelwert: 6,1%; PISA-Platzierung 2012 in Mathematik: Österreich; 11. Platz; Schweden: 30. Platz (Quelle: OECD, „Education at a Glance 2014: OECD Indicators“ 2014, Chart B2.1, bzw. Education at a Glance 2013, S.16).

Im ORF-Abendjournal wurde zwecks Diffamierung unseres Schulsystems genüsslich mit absoluten Zahlen operiert statt korrekterweise mit Prozentanteilen am BIP. Das soll dem ahnungslosen Zuhörer den Eindruck vorgaukeln, dass Österreich tatsächlich die zweithöchsten Bildungsausgaben innerhalb der OECD aufzuweisen hat. Dazu muss – darf! – man aber (mit einigem Stolz) mitbedenken, dass Österreich eines der reichsten Länder innerhalb der OECD ist. Daher müssen die Bildungsausgaben in absoluten Zahlen hoch anmuten. Denn die Lehrergehälter liegen bei uns immer noch höher als etwa in Griechenland (obwohl sie im Verhältnis zu den übrigen Akademikergehältern niedriger sind als in fast allen übrigen europäischen Staaten).

Dass sich der BIP-Anteil der Ausgaben für das Schulwesen in Österreich im Jahr 2011 um sagenhafte 14,11% des 1995 erzielten Prozentsatzes verringert(!) hat (gegenüber einem Zuwachs von 6,9% im gleichen Zeitraum im OECD-Mittel, vgl.OECD, „Education at a Glance 2014 – OECD Indicators“, 2014, Chart B2.2), darf wohl kaum den Lehrern angelastet werden. Vielmehr stellt das der Politik ein denkbar verheerendes Zeugnis aus.

Einige weitere Fakten mögen die so lauthals beklagten Leistungen der österreichischen Schule beleuchten:

  • Österreich hat die zweitniedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa aufzuweisen;
  • der Anteil der Schulabbrecher liegt bei 8,35% gegenüber etwa 9,6% in Finnland oder 18,2% in Spanien (Eurostat 2012);
  • der Anteil der 20-24-Jährigen, die noch keinen Abschluss der Sekundarstufe II geschafft haben, liegt bei 13% gegenüber etwa 14% in Finnland oder 29% in Norwegen (Eurostat 2012).

Wenn man all das bedenkt, dann sollte man den Schritt vom Krankjammern zum konstruktiven Nachdenken darüber tun, wie man auch diese – relativ erfreulichen – Ergebnisse weiter verbessern könnte.

Auf solche Fakten hinzuweisen – und auf das kausal damit zusammenhängende Verdienst der Lehrerschaft –, wäre eine lohnende Aufgabe für einen sachorientierten Berater. Immerhin stimmen in Österreich 30,2% der 15-Jährigen der Aussage zu:„Die meisten Lehrer/innen behandeln mich fair“ (gegenüber einem OECD-Mittel von 22,7% und etwa 19,6% in Finnland; Quelle: PISA Datenbank 2012). Den mit seiner Ausrichtung auf eingelerntes, reproduzierbares Wissen reduzierten – und daher in seiner Aussagekraft bezüglich der Qualität eines Schulsystems völlig unbrauchbaren – PISA-Test einmal in die Tiefe zu lesen und zu interpretieren, würde einem kompetenten Berater ebenfalls gut anstehen.

Aber dazu bedürfte es einer „finnischen“ Haltung der Öffentlichkeit gegenüber der Lehrerschaft, wie sie in einer von der OECD herausgegebenen Studie „Lessons from PISA for Korea“ (2014, Seite 174) so beneidenswert zum Ausdruck kommt:  „Among young Finns, teaching is consistently the most admired profession in regular opinion polls of high school graduates. Classroom teaching is considered an independent and creative, high-status profession that attracts some of the best secondary school graduates each year.“

Dass unsere Lehrer, als „Feinde der Nation“ gegen die veröffentlichte Meinung ankämpfend, bei einem der höchsten Migrantenanteile Europas und ohne nennenswertes unterstützendes Personal (wie es etwa in Finnland selbstverständlich ist), das leisten, was sie leisten, dafür gebührt ihnen Hochachtung und unser aller herzlicher Dank!

Es wird spannend werden, wie gut es dem neuen Berater gelingt, all diese Fakten seinem Chef ins Bewusstsein zu rufen.

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung