Schulautonomie: Mehr Ressourcen für individuelle Förderung der SchülerInnen

Isabella Zins, 28.06.2014

Externe Nachhilfe nur punktuell sinnvoll

Gastkommentar im Kurier

Und täglich grüßt das Murmeltier ...

Das Thema Nachhilfe wird jedes Jahr zu Ferienbeginn hochgespielt, obwohl sämtliche Studien Folgendes belegen: Die Nachhilfekosten in Österreich liegen weit unter dem OECD-Schnitt. 88 % der österreichischen SchülerInnen benötigen gar keine Nachhilfe, die restlichen 12 % haben heuer durchschnittlich 1,8 € pro Tag für Nachhilfe gebraucht – nebenbei bemerkt: weit weniger, als viele Eltern für ihren täglichen Zigarettenkonsum ausgeben! Die meisten SchülerInnen gingen erwiesenermaßen quasi "zur Sicherheit" in Nachhilfe, nur jede/r vierte, weil eine negative Note droht. Und in den genannten Kosten sind sogar die Ausgaben der Eltern für Sprachferienkurse und Lerncamps enthalten.

Lassen wir also die Kirche im Dorf! Als Gymnasialdirektorin und Lehrerin – und im Übrigen auch als Mutter von drei Kindern - wünsche ich mir natürlich, dass die Kinder und Jugendlichen so wenig Nachhilfe wie möglich brauchen. Die Realität gerade an den höheren Schulen sieht natürlich etwas anders aus. Das mag auch an den Umstellungsschwierigkeiten rund um die neuen Aufgabenformate in den Schularbeitsfächern liegen – die neue zentrale Reifeprüfung wirft ihre Schatten voraus und sorgt immer noch für Verunsicherung bei LehrerInnen und SchülerInnen. Was meinen Dir.-KollegInnen und mir jedoch immer öfter auffällt, ist der Trend, dass viele Eltern ihre Kinder "vorsorglich" in Nachhilfeinstitute schicken – als gut gemeinte Unterstützung und sicher auch als Entlastung der Familie von Streitigkeiten über das Thema Schule. Manchmal besteht jedoch die Gefahr, dass die Kinder dann im Unterricht nicht mehr so gut mitdenken und aufpassen, weil sie sich darauf verlassen, dass ihnen der/die PrivatlehrerIn am Nachmittag  ohnehin noch einmal alles erklärt. Punktuell kann externe Lernunterstützung natürlich sinnvoll und hilfreich sein, z. B. um eine Wiederholungsprüfung abzuwenden oder um über den Sommer gewisse „Defizite“ aufzuholen. (Übrigens geben viele SchülerInnen auf Nachfrage bezüglich ihres „Nachzipfs“ eigene Versäumnisse zu, wie ich aus vielen Gesprächen weiß.)

Insgesamt bin ich davon überzeugt: SchülerInnen, die in der zu ihren Begabungen passenden Schule sitzen, für die sie sich bewusst entschieden haben, brauchen keine Nachhilfe - bei regelmäßigem Unterrichtsbesuch und konsequentem Mitlernen UND wenn Unterrichtsniveau, Unterrichtsqualität und der Schwierigkeitsgrad sowie der Umfang der Hausübungen passen UND Direktion und LehrerInnenteam für gute Rahmenbedingungen und ein gutes Schul-/Lernklima sorgen.

Wie ich als Sprecherin der AHS-DirektorInnen Niederösterreichs weiß, bemühen sich viele Schulen um vielfältige Angebote während des Schuljahres: Oft stehen ProfessorInnen in ihren Pausen und Freistunden für Fragen zur Verfügung, an vielen Standorten gibt es kreative Modelle zur Lernunterstützung, zum Beispiel „Lerncoaches“, also leistungsstarke SchülerInnen, die  mit ihren SchulkollegInnen lernen, oder frei organisierte Lerngruppen am Nachmittag bzw. in den Pausen zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht.

Es wäre die Aufgabe des Bildungsministeriums, speziell auch den höheren Schulen mehr Ressourcen für individuelle Förderung (von schwachen, aber auch von besonders leistungsstarken SchülerInnen!) zur Verfügung zu stellen, z. B. für ZweitlehrerInnen bei Bedarf, für flexibel mögliche auch kurzzeitige Klassen- oder Gruppenteilungen, für zusätzlichen Unterricht am Nachmittag etc. Im Moment ist diese Art von individueller Förderung organisatorisch und finanziell nur in einem sehr beschränkten Ausmaß möglich: An den höheren Schulen dürfen während des Jahres vereinzelt Förderkurse angeboten werden, aber nur für leistungsschwache SchülerInnen. Das ist alles. Dabei wüssten wir DirektorInnen ganz genau, wo der Schuh drückt, und wären in der Lage, Förderung in beide Richtungen viel gezielter zu organisieren, wenn man uns ließe und wir dafür frei verfügbare Ressourcen hätten! Das wäre gleichzeitig eine sinnvolle Maßnahme im Zuge einer ehrlich gemeinten echten Schulautonomie!

Dir. Mag. Isabella Zins

Sprecherin der AHS-DirektorInnen Niederösterreichs

Direktorin BORG Mistelbach

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung