Verpflichtende Elternabende

Isabella Zins, 13.07.2014

„Elternabende müssten verpflichtend sein“

(Pressegespräch mit Isabella Zins und Heidi Schrodt)

Warum Kindergarten mit fünf Jahren zu spät ist, wie man die Eltern ins Boot holen kann, und warum manche Neue Mittelschulen mit dem verpflichtenden Zweitlehrer nichts anzufangen wissen.

13.07.2014 | 18:07 |  von Rosa Schmidt-Vierthaler und Bernadette Bayrhammer  (Die Presse)

Die Presse: Es soll heute um das Thema Chancen gehen. Müssen wir unbedingt über Gesamtschule und Gymnasium diskutieren?

Heidi Schrodt: Wir müssen über Bildung als Ganzes diskutieren. Die Frage ist, wie es dazu kommt, dass vor allem in der Stadt ein hoher Prozentsatz der Schüler nach Ende der Schulpflicht die Grundkompetenzen nicht beherrscht. Da spielt die Schnittstelle mit zehn Jahren eine Rolle. Aber ich würde früher beginnen: Eine mögliche Benachteiligung fängt schon beim Übertritt von der Familie in den Kindergarten an. Kinder mit sprachlichen Defiziten kommen oft erst mit fünf Jahren, wenn der Kindergarten verpflichtend ist. Das ist zu spät.

Muss man die Kinder den Eltern früher wegnehmen?

Isabella Zins: Das ist überspitzt, aber die Unterschiede beginnen eben schon sehr früh. Wenn kleinen Kindern vorgelesen wird, haben sie in der Schule viel bessere Chancen. Es ist erschreckend, wie viele Familien in Österreich maximal zehn Bücher zu Hause haben. Das verpflichtende Kindergartenjahr war sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Man kommt aber nicht an alle Kinder heran.

Was kann man da tun?

Zins: Wir müssen auch die Eltern mehr in die Pflicht nehmen. Ich meine, dass Elternabende in Kindergärten und in Schulen verpflichtend sein müssten. Es kann nicht sein, dass man das Kind der Institution überantwortet und sagt: Die sollen das machen, und sie sind dann an allem schuld. Es muss eine Erziehungspartnerschaft geben.

Schrodt: Bei Erziehungspartnerschaft kann ich mich anschließen. Aber ich habe einen anderen Zugang zur Elternarbeit. Wir haben heute etwa relativ viele Mütter, die Analphabetinnen sind. Sie können ihren Kindern nichts vorlesen, weil sie selbst nicht lesen können. Da braucht es mehr Programme für Eltern, die direkt in der Schule angesiedelt sind.

Zins: Es gibt aber auch viele Familien, die sich einfach nicht kümmern. Sich einmal im Jahr an der Schule oder im Kindergarten blicken und informieren zu lassen, diese Verpflichtung ist zumutbar.

Was muss der Kindergarten wirklich bieten?

Schrodt: Ich bin dafür, den Kindergarten endlich als Bildungsinstitution zu begreifen. Das heißt nicht, dass man dort schulisch lernt – aber dass man lernt. Und ich plädiere sehr stark für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr. Es braucht auch eine Ausbildung der Elementarpädagoginnen auf tertiärem Niveau. Auch, wenn nicht alle Pädagoginnen so eine Ausbildung absolviert haben müssen.

Zins: Die Sprachförderung muss früher ansetzen. Damit die Kinder sowohl die eigene Muttersprache lernen als auch Deutsch. Es müsste in jedem Kindergarten speziell ausgebildete Pädagoginnen geben – zum Beispiel für die Sprachförderung.

Beim Kindergarten sind Sie sich also relativ einig. Was muss sich in der Schule ändern?

Zins: Ich glaube, dass es keine Systemänderung braucht, sondern mehr Gestaltungsspielraum innerhalb der Schule. Wir haben unsere zugeteilten Stunden, die für jeden Lehrer und jede Gruppe bestimmt sind. Ich kann nicht sagen: Diese zwei Englischklassen fassen wir für zwei Stunden zusammen, die schauen sich mit einer Lehrkraft einen Film an. Und die andere Kollegin ist freigespielt für eine Förderstunde zum Thema Passiv.

Schrodt: Ich würde so weit gehen zu sagen: Die Schule erhält ein Globalbudget, es muss einen Rechenschaftsbericht geben und eine Qualitätssicherung durch Überprüfungen – aber wie die Schule dieses Budget und vor allem die Lehrerressourcen einsetzt, soll ihr überlassen bleiben.

Zins: Ich bin gegen Globalbudgets, aber für mehr Freiheit am Standort. Die Starrheit ist auch bei der Neuen Mittelschule ein Problem. Die Direktoren müssen in Hauptfächern einen Zweitlehrer einsetzen, ob sie das für nötig halten oder nicht. Da wird schon viel Geld verschleudert.

Schrodt: Die Grundidee der NMS war sicher gut. Dass man nicht frei entscheiden kann, wo man zusätzliche Ressourcen bekommt, halte ich aber für problematisch. In ländlichen Hauptschulen braucht es vielleicht keinen zweiten Lehrer. Anderswo hätten die Schulen statt eines AHS-Lehrers vielleicht lieber einen Sozialarbeiter oder eine Psychologin, die mit traumatisierten Kindern umgehen kann.

 

Wie muss man vorgehen, damit alle bestmöglich gefördert werden können?

Schrodt: Zuerst muss man schauen, wo das Kind steht, was Stärken und Defizite sind. Dafür braucht es Diagnoseinstrumente, die wir leider nicht haben. Dann muss man sich fragen, was das Kind braucht, um sein Bildungsziel zu erreichen und das umsetzen. Dafür brauchen wir eine andere Organisation, man muss etwa Förderpläne im Team erarbeiten können.

Zins: Diese Diagnoseinstrumente fehlen uns im Moment.

Bei Chancen geht es oft nur um die Benachteiligten. Was braucht es eigentlich für die Begabten?

Schrodt: Die Begabtenförderung ist unterbelichtet.

Zins: Ich sehe das Gymnasium als die Schulform, die dafür gedacht ist. Das Gymnasium soll auf jede Art von Studium vorbereiten.

Schrodt: Ich sehe Begabtenförderung nicht unbedingt im Gymnasium, sondern in einem in sich differenzierten Schulsystem. Ich würde viel mehr jahrgangsübergreifend arbeiten. So, dass diejenigen, die in einem Bereich sehr begabt sind, schon mit den Schülern zwei Jahrgänge über ihnen arbeiten können – je nach Fach.

Zins: So breit aufgestellt halte ich das nicht für praktikabel. Es gibt ja schon jetzt keine homogenen Klassen. Damit würde sich die Bandbreite nochmals gewaltig erhöhen. Sinnvoller und finanzierbarer wäre es, wenn wir im Gymnasium wieder mehr Ressourcen für Spitzenförderung in Spezialkursen hätten.

Schrodt: Bei den jahrgangsübergreifenden Systemen rede ich von der Pflichtschule. Dann bin ich für eine große Ausdifferenzierung in der Oberstufe. Ich bin überhaupt nicht gegen das Gymnasium, aber eben für eines, das nur die Oberstufe umfasst.

Jetzt sind wir doch wieder beim Thema Gesamtschule.

Schrodt: Die Gesamtschule ist ein abstrakter Begriff ohne Inhalt. Aber ich gebe zu bedenken: Manche Kinder sind trotz Begabung am Ende der Volksschule sprachlich nicht in der Lage, die Hürde in das Gymnasium zu überspringen. Kinder kommen oft bereits mit Defiziten in die Volksschule. Und unser Schulsystem ist nicht so organisiert, dass sie diese Defizite aufholen können.

Zins: Ich halte die Gesamtschule nicht für eine Verbesserung, im Gegenteil. Zwar fehlt es beim Übergang mit zehn Jahren an Beratung und Potenzialanalysen. Aber ich finde, unser System hat keine Sackgassen, sondern es gibt immer wieder Entscheidungsmöglichkeiten. Diese sind nie so festgelegt, dass man nicht noch in eine andere Richtung wechseln könnte.

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung