"Viel Lärm um wenig Inhalt - Was die PISA-Tests wirklich aussagen?"

Wolfgang Türtscher, Academia, 17.02.2017

1. Was ist PISA?

Bis zum Jahr 2000 verstand man in Österreich unter Pisa eine Stadt in der Toskana, die etwas weniger als 100.000 Einwohner hat und durch ihren „schiefen Turm“ bekannt wurde. Der „schiefe Turm“ eignet sich als Metapher auch für das, was folgte, nämlich eine von der OECD zu verantwortende internationale Schulleistungsuntersuchung, die seit diesem Zeitpunkt von allen, die sich bemüßigt fühlen, sich zum Thema Schule und Bildung zu äußern, wie eine Monstranz vorangetragen wird.

Kurz zur Begriffsklärung: Die OECD 1) (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (englisch: Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) wurde 1961 als Nachfolgeorganisation der Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (englisch Organisation for European Economic Co-operation OEEC)[ und des Marshallplans zum Wiederaufbau Europas gegründet. Sie hat seit dem 16. April 1948 besteht und ihren Sitz in Paris. Die OECD hat sich nach dem 2. Weltkrieg große Verdienste beim Wiederaufbau des demokratischen Europas erworben –Stichwort: Care-Pakete. Seit 1961 fühlt sie sich auch für Bildung zuständig, da für sie Bildung nur ein Teil der Wirtschaft ist.

PISA heißt Programme for International Student Assessment (Programm zur internationalen Schülerbewertung) und wird seit 2000 durchgeführt. Verantwortlich für PISA ist die OECD. Sie untersucht die drei Bereiche Lese-, mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung. Dieser Bildungsbegriff wird auf Englisch als literacy und numeracy bezeichnet. Er orientiert sich nicht an den Lehrplänen der verschiedenen Staaten. 2)

Österreich beteiligte sich ab 2000 an dieser Testung, „weil es damals einerseits die große Zeit der Feedbackkultur war und ich mich bewusst dafür entschieden habe, Leistung zu bewerten und zu vergleichen; das vor dem Hintergrund, dass sich damals gesamtgesellschaftlich eine gewisse Leistungsfeindlichkeit bemerkbar gemacht hat“, begründet die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer ihre Motivation. 3)

2. OECD und Kompetenzen:

Um Inhalte zu bewerten, die miteinander nicht verglichen werden können, entwickelte die OECD den Kompetenzbegriff. Sie verfügte 1961, dass das Erziehungswesen zur Wirtschaft gehört, weil hier Humankapital produziert wird. Menschen sollen von ihrer Kultur und Verwurzelung losgelöst werden, die OECD verfolgt also eine Strategie kultureller Entwurzelung. 4) Kompetenzen zielen auf Anpassung, das bedeutet in der Praxis einen Niveauverlust. Im Mittelpunkt steht darin das Kompetenz‐Konzept der OECD, womit die rein funktionale Fähigkeit gemeint ist, sich an die ökonomischen Erfordernisse flexibel ‚anzupassen‘. Anpassung war allerdings noch nie das Ziel von  Bildung  – ganz im Gegenteil.

3. Welche Absicht haben die OECD und PISA?

Die Bekanntgabe der PISA-Ergebnisse jeweils ein gutes Jahr nach der Erhebung war nicht vom Bemühen um Sachlichkeit geprägt, es wurde durch eine gezielte mediale Vorberichterstattung ein „PISA-Event“ zelebriert, man sprach ganz bewusst von einem „PISA-Schock“. Anstatt sich die Ergebnisse im Detail anzuschauen, wurden sofort Änderungen in der Schulstruktur verlangt. Nur die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen sei in der Lage Verbesserungen zu erzielen, tat sich Andreas Schleicher, der OECD-Direktor für Bildung und PISA-Verantwortliche, besonders hervor. Daran erinnert sich auch BM a.D. Elisabeth Gehrer: „Andreas Schleicher war immer lästig – er hatte v.a. ideologische Anliegen, ihm ist es nur um die Gesamtschule gegangen. Hätte man damals die richtigen Schlüsse gezogen, wären wir heute schon weiter!“6)

4. Kritik an PISA:

Schon sehr schnell wurde die Art und Weise der Erhebung kritisiert, das v.a. am Ergebnis in Österreich. Zwischen 2000 und 2003 soll es zu einem „PISA-Absturz“ gekommen sein. Die damalige Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer veranlasste, nicht zuletzt infolge heftiger, von Gerhard Riegler, dem Obmann der ÖPU und Vorsitzendem des Zentralausschusses der AHS-Lehrer Österreichs, geäußerte Kritik eine Überprüfung durch die Statistiker Erich Neuwirth, Ivo Ponocny und Wilfried Grossmann. 7) DieseStudie förderte zahlreiche Ungereimtheiten bei der Stichprobenziehung und Datenauswertung zutage, insbesondere war die Stichprobe bei den Berufsschulen nicht korrekt gezogen worden. Diese korrigierten Daten ergaben, dass sowohl das Ergebnis 2000 als auch 2003 gleichermaßen im Mittelfeld lagen, es also „keinen Absturz“ gegeben hat. Ungelöst ist bis heute das Problem, dass PISA in den einzelnen Ländern nicht nach einheitlichen Kriterien durchgeführt wird, in Österreich werden etwa auch Lehrlinge, Migranten ohne Deutschkenntnisse und Sonderschüler getestet, Gruppen, die in anderen Ländern ausgeschieden werden bzw., die es nicht gibt – z.B. Lehrlinge zu Beginn ihrer Berufsschulbesuches.

In Österreich fiel die Bekanntgabe der PISA-Ergebnisse in eine innenpolitisch unruhige Zeit – von 2000 bis 2007 regierte in Österreich eine schwarzblaue Koalition unter Bundeskanzler Schüssel (ÖVP), vor 2000 und wieder ab 2007 ein rotschwarzer Ministerrat. So kam es vielen Akteuren durchaus entgegen, Ergebnisse „politisch zuzuordnen“.

Kritik kam von allen Seiten; exemplarisch seien zwei Buchautoren genannt: Der politisch links einzuordnende Gesamtschulbefürworter Niki Glattauer, beruflich Hauptschul – bzw. Mittelschullehrer, veröffentlichte 2011 sein Buch „Die PISA-Lüge“ 8), sein konservatives Pendant, der Präsident des deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus, beruflich Oberstudiendirektor eines Gymnasiums, schrieb zum Thema „Der PISA Schwindel“ 9).

5. Was misst PISA

Ein weiterer Vorwurf an PISA besteht darin, dass wesentliche Stärken des österreichischen Schulsystems nicht bewertet werden. Dr. Rainer Gögele, der Obmann von Pro Gymnasium Österreich, kritisiert mit Bezug auf Josef Kraus: „PISA bildet nur einen minimalen Ausschnitt aus dem Bildungsgeschehen ab. Nicht erfasst wird mit PISA: sprachliches Ausdrucksvermögen, literarisches Verständnis, fremdsprachliches Können, historisches, wirtschaftliches, geographisches, religiöses/ethisches Wissen und ästhetische Bildung. Gerade diese mit PISA nicht erfassten Bereiche machen Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung aus. Wir müssen also wieder den nicht messbaren und über-nützlichen Wert von Bildung betonen.“ 10)

6. Fazit:

„PISA misst PISA“ – hat es ein Spötter einmal auf den Punkt gebracht. Man kann, wenn man es seriös macht, aus den PISA-Ergebnissen seit 2000 einiges herauslesen – einen Hinweis auf die optimale Schulform gibt PISA nicht. Wenn wir in Österreich bessere schulische Leistungen wollen, und das wollen wohl alle, müssen wir das tun, was der ÖAAB-Vorarlberg am 9.12.2016 verlangt hat: „Wenn wir bessere schulische Leistungen erzielen wollen, müssen wir von den Schülern auch mehr Leistung fordern – so einfach ist das!“ 11)

Stand: 30.12.16

 

1) https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_f%C3%BCr_wirtschaftliche_Zusammenarbeit_und_Entwicklung- abgerufen 27.12.2016, 15:55 Uhr

2)    https://de.wikipedia.org/wiki/PISA-Studien - abgerufen 27.12.2016, 16:02 Uhr

3)  BM a.D. Elisabeth Gehrer in einem persönlichen Gespräch mit dem Autor am 19.12.2016.

4)  Univ.-Prof. Dr. Joachim Krautz, Professor für Kunstpädagogik an der Universität Wuppertal, am 7.3.2016 in Dornbirn in seinem Vortrag „Kompetenz als Problem“, nach: Wolfgang Türtscher, Kompetenz als Problem, vcl-news 2-2016, 20.6.2016, S. 16.

5)  Jochen Krautz: Die sanfte Steuerung der Bildung. FAZ vom 29.09.2011)

6)  BM a.D. Elisabeth Gehrer in einem persönlichen Gespräch mit dem Autor am 19.12.2016.

7)  Siehe: E. Neuwirth, I. Ponocny, W. Grossmann (Hrsg): PISA 2000 und PISA 2003: Vertiefende Analysen und Beiträge zur Methodik, Graz 2006 (Leykam)

8)  Niki Glattauer, Die PISA-Lüge. Wie unsere Schule wirklich besser wird. Wien 2011 (Ueberreuter)

9)  Josef Kraus, Der PISA Schwindel. Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf. Wie Eltern und Schule Potentiale fördern können. Wien 2005 (Signum)

10)  „Mehr schulische Leistung notwendig!“ Presseaussendung von Pro Gymnasium Österreich, 7.12.2016 (www.progymnasium.at)

11)  „Müssen wir uns in der Schule mehr anstrengen?“ Presseaussendung des ÖAAB Vorarlberg, 9.12.2016 (www.oeaab-lehrer.at)

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung