Gesamtschule in Vorarlberg?

Wolfgang Türtscher, 07.06.2015

Nur wenige Tage, nachdem die Vertreter der Vorarlberger ÖVP mit Landeshauptmann Wallner an der Spitze dem neuen ÖVP-Grundsatzprogramm und damit dem Bekenntnis zum Gymnasium auch in seiner 8-jährigen Langform zugestimmt haben, kündigt nun VP-Bildungslandesrätin Bernadette Mennel an, in wenigen Jahren die Gesamtschule flächendeckend im gesamten Bundesland einführen zu wollen.

Pro Gymnasium Landessprecher Mag. Wolfgang Türtscher sieht im Rahmen einer Pressekonferenz am 1.6.2015 eine endgültige Entscheidung auch in der ÖVP noch nicht gefallen. „Eine derart massive Umstellung des Systems wird nicht gelingen, wenn kein nationaler Konsens gegeben ist. Und ein solcher fehlt“, sagte Türtscher. Außerdem sei es ein hohes Risiko, einen ebenso beliebten wie erfolgreichen Schultyp zu zerschlagen, ohne zu wissen, was nachfolgt.

Die Vorgeschichte
Am 19.2.2013 hat die Vorarlberger Landesregierung den Auftrag zur Durchführung des Forschungsprojekts „Schule der 10- bis 14-Jährigen“ gegeben. Zu diesem Zeitpunkt dürfte die politische Entscheidung zugunsten einer „gemeinsamen Schule“ schon gefallen sein – v.a. durch die Auswahl der beiden Professoren Engleitner und Schratz, die als Gesamtschulbefürworter gelten.

Bereits am 18.9.2013 erklärte ein Mitglied der Expertengruppe „Pädagogisches Konzept, Inhalte und Umsetzung“ den Austritt aus der Gruppe, da das „‘Projekt der Schule der 10- bis 14-Jährigen‘ die Zerschlagung der AHS-Langform zum Ziel habe, von einem ergebnisoffenen Prozess nicht die Rede sein könne und sie an der Auflösung der gymnasialen Langform nicht mitarbeiten werde. Der Vorschlag für die Nachbesetzung dieses Platzes in der Gruppe mit einem deklarierten Befürworter des Gymnasiums wurde abgelehnt.

Was sagt die Vorarlberger Studie – und was sagt sie nicht?

  • Dass nun eine Studie politisch vermarktet wird, die noch gar nicht veröffentlicht wurde, widerspricht jeder wissenschaftlichen Seriosität. Derzeit gibt es nur Zusammenfassungen der Vorarlberger Landesregierung und eine Presseunterlage.
  • Die Behauptung, dass eine Verschiebung der Bildungswegentscheidung die schulischen Chancen verbessere, ist wissenschaftlich und aus der Erfahrung nicht zu belegen, im Gegenteil!
  • Für edie Behauptung, es gelinge nicht mehr, leistungshomogene Gruppen in AHS und NMS zu schaffen fehlt der Beweis.
  • Die möglichen Auswirkungen auf das bestehende berufsbildende Schulwesen werden nicht erfasst.
  • Ebenso bleibt unklar, wie die Schülerströme an der verbleibenden Schnittstelle beeinflusst und neu entstehende Spitzen in Richtung bestimmter weiterführender Schulen vermieden werden.
  • Geplant sind bundesgesetzliche Änderungen, die die Mitspracherechte der Schulpartner vor Ort einschränken oder gar abschaffen sollen, um dadurch leichter (ohne Widerstand der Betroffenen) die Gesamtschule einführen zu können.
  • Man suggeriert, dass eine Verschiebung der Bildungswegentscheidung auf einen späteren Zeitpunkt darauf abzielt, den Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds des Elternhauses zu verringern. Nicht erwähnt wird, dass die NMS laut dem vom BMBF in Auftrag gegebenen und im März 2015 präsentierten Evaluierungsbericht dies allen politischen Versprechungen zum Trotz nicht schafft, und das bestehende differenzierte Schulwesen Österreichs den Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds des Elternhauses während der Sekundarstufe I deutlich verringert, während diese Abhängigkeit in anderen Staaten während der Sekundarstufe I stark anwächst.
  • Nicht erwähnt wird der enorme Leistungsunterschied, der zwischen AHS einerseits und NMS/HS andererseits durch die Bildungsstandard-Testungen auf der achten Schulstufe aufgezeigt wurde.

Einig sind sich die Pro Gymnasium-Vertreter, dass es im Bereich der Schule Probleme gibt sowie dass einiges verändert und verbessert werden muss. „Aber dass daher die gesamte Organisation geändert werden muss, müssen wir entschieden ablehnen“, stellt Wolfgang Türtscher abschließend fest.

PK 1.6.15 2vlnr: Dir. Herwig Rogler, Wolfgang Türtscher, aLAbg aKO Mag. Sigi Neyer

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung