Lehrerausbildung

Günter Schmid, 06.11.2013

aus der Sicht einer begabungsfördernden Schulentwicklung

(Manuskript des für die 2. Generalversammlung des Vereins Bildungsplattform Leistung & Vielfalt vorbereiteten Statements)

Ich habe mein Statement zur Lehrerausbildungsehr bewusst mit dem Zusatz „aus der Sicht einer begabungsfördernden Schulentwicklung“angekündigt. Ich will mich nämlich diesem so wichtigen Thema nicht, wie in der politischen Diskussion üblich, mit ideologisch verengtem Blick auf Systeme oder Strukturen nähern, die es abzuschaffen oder zu erhalten gilt, sondern den Fokus auf die von der Qualität der Lehrerausbildung unmittelbar betroffenen Hauptpersonen des Systems Schule richten: die Schülerinnen und Schüler. Deren bestmögliche Förderung muss als das alles entscheidende Kriterium bei der Frage nach der „richtigen“ Lehrerausbildung gelten. Es geht dabei um Menschen und nicht um Systeme!

Einer Förderung, die sich nicht an den Organisationsstrukturen des Systems, sondern an der Person des jeweiligen Lernenden als dem zentralen Bezugspunkt orientiert, geht es um mehr als um das Generieren von quantifizierbarer (weil messbarer) Leistung. Die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen ist nur das (durchaus erwünschte) Nebenprodukt dessen, was allein als das wahre Ziel richtig verstandener Begabungsförderung gelten muss: eine selbstbestimmte, werteorientierte Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden. Eine solche gilt es durch das Schaffen von Bedingungen, die die bestmögliche Entfaltung der jeweiligen individuellen Potentiale ermöglichen, bei den Lernenden zunächst auszulösen und dann begleitend zu verstärken.

Dazu braucht es seitens der Lehrenden mehr als das Wissen um die richtigen Antworten auf Fragen, die in dieser Form von den Lernenden in den meisten Fällen wahrscheinlich gar nicht gestellt worden wären. Es braucht auch mehr als bloße technische Perfektion in der Gestalt von Methodenkompetenz. (Beides sind nützliche Ingredienzien, die aber noch nichts mit Begabungsförderung zu tun haben.) Was es vor allem braucht, ist eine ganz spezifische pädagogischen Haltung, die sich in einem person-orientierten (statt „technokratischen“) Zugang zum Lernen manifestiert. Daraus ergibt sich dann ganz von selbst auch ein neues Rollenverständnis. Eine solche Haltung ist aber weder lehr- noch lernbar, sondern kann allein durch einen an personalen Werten und Modellen orientierten Bewusstseinsbildungsprozess erworben werden.

Wenn ich an meine eigene Ausbildung zurückdenke, so hat sich diese noch rein auf der Ebene des akademischen Lehrens abgespielt. Was sie mir vermittelt hat, war sicher ein exzellentes Fachwissen. Aber eine Sensibilisierungsphase der oben beschriebenen Art blieb mir gänzlich vorenthalten – ein Manko, das sich nach außen hin durch schön klingende akademische Titel verschleiern ließ. Ich war das, was man unter einem erfolgreichen, weil effizienten Lehrer verstand. Aber die Schule des 21. Jahrhunderts muss einen höheren Anspruch stellen: wichtiger als die Effizienz des Lehrens ist die Förderung der Exzellenz der davon betroffenen Menschen.

Wenn dann viel später, wie ich hoffe, doch noch ein „begabungsfördernder“ Lehrer aus mir wurde, so war dies nicht so sehr meiner akademischen Ausbildung oder gar meinem Titel zu verdanken, sondern vielmehr einer Notwendigkeit, die sich aus meinen diversen Karrieresprüngen ergab. Als Lehreraus- und –fortbildner, Schulleiter und Schulentwickler kommt man einfach nicht darum herum, sich über das, was in Schule hauptsächlich geschehen sollte (Lernen, Persönlichkeitsentwicklung, Menschenbildung), und über die von diesem Geschehen hauptbetroffenen Menschen (die Schüler) nicht bloß in organisatorischer Hinsicht auf der Ebene der Strukturen, sondern aus einer vertieften, anthropologischen Sichtweise Gedanken zu machen. Jetzt, auf meine alten Tage, erlebe ich die Freude, im Zuge meiner Fortbildungstätigkeit immer wieder auf Lehrpersonen zu stoßen, die diesen Entwicklungsschub schon in jüngeren Jahren und ohne äußerliche Notwendigkeit durchmachen und die sich – meist unter großen finanziellen und zeitlichen Opfern – in freiwilligen Weiterbildungsveranstaltungen das holen, was ihnen ihre Ausbildung vorenthalten hat.

Und damit bin ich beim eigentlichen Thema. Hier haben wir nämlich im Bereich der Lehrerausbildung den größten Handlungsbedarf. Was wir für alle Lehrenden brauchen, ist eine Einstiegsphase vertiefter pädagogischer Bewusstseinsbildung, in der - über die unumstrittenen Bereiche der Methodik und Didaktik hinaus - eine Philosophie des Förderns erlebbar gemacht wird, die von den Hauptpersonen des Systems Schule – den Schülern - ausgeht und in einer „Schule der Person“ (zitiert nach Gabriele Weigand) auf diese wieder zurückführt. Für eine solche (gemeinsame) Sensibilisierungsphase scheinen mir die Pädagogischen Hochschulen besser geeignet als die Universitäten, weil es dabei nicht um höherwertige akademische Qualifikationen geht, sondern um Haltungen.

Konsequenterweise sollten dafür aber auch nicht die höheren akademischen Titel (Master oder Doktor), sonder der Bachelor-Grad vergeben werden. Und ein solcher ist nach meiner tiefsten Überzeugung für Volksschulen und Kindergärten auch völlig ausreichend. Nicht dass eine höherwertige als die erforderliche Ausbildung schädlich wäre. Aber die Verpflichtung zur Ablegung einer solchen kann Menschen, die von ihrer pädagogischen Haltung her und in ihrer natürlichen Empathiefähigkeit für eine einfühlsame Begleitung jüngerer Kinder in deren Personwerdungsprozess ideal geeignet wären – sei es mangels an Mut, sei es aus weiser Selbsterkenntnis – von der Berufswahl abschrecken.

Das naheliegende – und auch vielfach bereits praktizierte - Mittel, um solches zu verhindern, ist eine Absenkung des Anforderungsniveaus. Aber eine vernünftigere Alternative zu einer solchen Nivellierung nach unten wäre das Abrücken von dem auch hierzulande immer mehr um sich greifenden Akademisierungs­wahn. Ein Blick auf die schockierende Akademikerarbeitslosigkeit in Länder wie Spanien, die als direkte Folgeerscheinung eines ungegliederten einheitlichen Schulsystems mit den von manchen so neidisch bewunderten schwindelerregenden Akademikerquoten auftrumpfen, sollte hier hilfreiche Denkanstöße liefern. (Außerdem steht ein derart diskriminierendes Klassendenken, nach dem der Mensch erst beim Maturanten oder gar erst beim Akademiker beginnt, gerade jenen, die am lautesten nach einer Steigerung der Akademikerquote schreien, den Linken und Grünen, gar nicht gut an.)

Wir brauchen also auf der einen Seite eine gemeinsame vertiefende pädagogische Einführungsphase für alle - allerdings eine solche, die weit über die derzeitige, eher technokratisch orientierte, so genannte „pädagogische Grundausbildung“ hinausgeht. (Also nicht bloß nach dem Motto „Pädagogische Hochschule in der bisherigen Form für alle“.) Im Gegensatz zur derzeit verbreiteten Praxis müssen junge Lehrerinnen und Lehrer durch professionelle Begleitung behutsam in die pädagogische Realität eingeführt werden. Darauf aufbauend, bedarf es sodann für die Lehrerinnen und Lehrer der verschiedenen Schulformen einer den unterschiedlichen Bedürfnissen von Lernenden verschiedener Altersstufe, Interessen und Begabungen (oder auch Behinderungen) angepassten, zielgruppenspezifischen - und daher getrennten! - weiterführenden Ausbildung. Für jene, die an höheren Schulen lehren, muss diese jedenfalls auch eine profilierte fachspezifische Dimension aufweisen und daher an den Universitäten stattfinden.

Dass eine solche universitäre Ausbildung auch für Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen und Neuen Mittelschulen durchaus wünschenswert wäre, steht außer Frage. Was ich mir für diese Berufsgruppe gut vorstellen kann, ist die Option auf ein weiterführendes Masterstudium, verbunden mit finanziellen Anreizen und besseren Aufstiegschancen. Die Minimalforderung muss aber jedenfalls sein, dass Lehrende nur in jenen Bereichen eingesetzt werden, für die sie auch qualifiziert sind. Schließlich würde auch niemand auf die Idee kommen, einem Neurologen eine Herzoperation oder einen Augenarzt eine Zahnextraktion zuzumuten, bloß weil beide die gleiche medizinische Grundausbildung durchlaufen haben.

Dass Kinder manchen unserer Politiker für derart abwegige Ideen aber nicht zu schade sind, zeigt, wie sehr in unserem künstlich krank gejammerten Bildungswesen „der Fisch vom Kopf stinkt“ (wenngleich sich seit der Entschärfung der für unser Bildungswesen bedrohlichsten Zeitbombe im Unterrichtsministerium dieser üble Geruch ein Wenig gemildert hat). Daher soll meine Conclusio ein positive sein: Glauben wir an die Machbarkeit einer Lehrerausbildung, die nicht einer Ideologie, sondern dem Wohl der Kinder dient! Und um eine solche Entwicklung zu begünstigen, beteiligen wir uns nicht an der medialen Lehrer-Hetze! Heulen wir nicht mit den links-grünen Wölfen, sondern bringen wir dem Lehrerberuf wieder jene Wertschätzung entgegen, die etwa in dem von Androsch und Konsorten in ihrer Unbedarftheit aus den falschen Gründen hochgejubelten Finnland selbstverständlich ist!

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung