Die bildungsfernen Kinder hätten ihre Chance in der Volksschule

Günter Schmid, 06.01.2016

Zwischen fünf und zehn, in der Volksschule, könnten Kinder aus bildungsfernen Haushalten alle Defizite aufholen. Könnten.

Der Jahreswechsel steht im Zeichen des Angriffs auf das Gymnasium. Sozialisten und Grüne sind wild entschlossen, ihre Träume von der Gesamtschule zu verwirklichen. Die ÖVP wehrt sich zwar tapfer, hat aber in den eigenen Reihen auch Eifrige, die dem Missverständnis "Gesamtschule" aufsitzen.

Dabei ist das Motiv der Kämpfer für eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen ohne Einschränkung zu unterstützen: Man will, dass die Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht benachteiligt werden, dass nicht der Haushalt, in dem man aufwächst, über das weitere Leben entscheidet.

Mit der geplanten Gesamtschule wird nur erreicht, dass das Niveau aller zehn- bis vierzehnjährigen Kinder gedrückt wird und die Vermögenden ihre Sprösslinge in Privatschulen einschreiben.

Wenn Eltern bei jeder Gelegenheit über Literatur, Musik oder Politik sprechen, wenn die Großmütter beim Spaziergang mit den Kleinen das Lesen der Plakate üben, wenn der Theaterbesuch schon knapp nach den ersten Geherfolgen zum Alltag gehört, wird der Nachwuchs kein Problem haben, mit zehn in ein Gymnasium zu wechseln.

Geschieht all das zu Hause nicht, gelten Bücher als überflüssig, ist das Vokabular der erwachsenen Familienmitglieder eingeschränkt oder gar vulgär, so bleiben den Kindern die elementaren Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen fremd. Und das jedenfalls bis zum Eintritt in die Volksschule, aber zumeist auch bis zum zehnten Lebensjahr.

In diesem Zustand sollen sie dann neben ihren AHS-reifen Altersgenossen in der Gesamtschule sitzen und wie durch ein Wunder ihre Defizite aufholen!

Kinder sind unglaublich lernfähig. Schon die Kleinsten sind bewundernswert. Zwischen dem fünften und dem zehnten Lebensjahr öffnet sich die Welt. In dieser Phase kann man sie alle, ausnahmslos alle abholen, weil ihre Neugier grenzenlos ist. Da wird es kaum einen und kaum eine geben, die nicht die viel zitierten Kulturtechniken problemlos erlernen.

Erlernen könnten.

Die Realität: Das System zwingt die grandiosen Volksschullehrer, ihre begnadeten Fähigkeiten nicht zu nutzen und genau das nicht zu tun, wovon die Gesamtschulträumer sprechen - nämlich die Defizite der Benachteiligten zu beseitigen. Man schränkt die Volksschule zu einem verlängerten Kindergarten ein. Und zahlreiche Eltern sabotieren sogar die bescheidenen Anforderungen! Die Putzis sind ja noch so klein, die sollen spielen!

Aber mit zehn werden sie dann plötzlich alles können. Pardon, nein, durch die Gesamtschule zu Bildungsbürgern verzaubert werden.

(Ronald Barazon, Salzburger Nachrichten, 31.12.2015)

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung