Die neuen mathematischen Kompetenzen

Günther Biller, 09.06.2016

Spätestens seit der neuen schriftlichen Reifeprüfung ist es klar, die Mathematik hat ein neues Gewand bekommen. Gemeint ist natürlich die Schulmathematik, nicht die Mathematik, wie sie an der Universität gelehrt wird. Gilt es doch immer mehr lange Texte zu lesen und zu verstehen, sowie die Inhalte im gegebenen Kontext richtig zu interpretieren, Aussagen zu beurteilen und die Entscheidungen zu begründen und zu argumentieren. Das traditionelle Rechnen scheint keine mathematische Kompetenz mehr zu sein. Bei der Aufgabe zur Einkommensteuer im Rahmen der diesjährigen Matura muss man zunächst einmal einen zweiseitigen Informationstext zu diesem Thema lesen und das Gelesene richtig verstehen, dann sind Terme zu interpretieren, Behauptungen auf deren Wahrheitsgehalt zu untersuchen und jeweils eine mathematisch begründete Antwort zu formulieren. Daneben sind in vorgegebenen Rechnungen vorkommende Faktoren zu deuten. Aus mathematischer Sicht gibt die Aufgabe nicht viel mehr her als Prozentrechnung.

Als altgedienter Mathematiklehrer sehe ich Vor- und Nachteile im neuen System. Traurig macht mich, dass die reine Mathematik fast ganz verschwunden ist. Anwendungsorientiertheit ist sicher nicht schlecht, aber die Gehirnakrobatik, die früher Teil der Beschäftigung mit der Mathematik war, hat der geistigen Entwicklung junger Menschen nicht geschadet. Die „Durchleuchtung“ eines Algorithmus z.B. zum Dividieren oder gar zum Wurzelziehen bietet viel Platz dafür, scheint aber sinnlos geworden zu sein. Rechnen kann der Taschenrechner. Wenn nun ab dem Maturatermin 2018 verpflichtend mit einem Computer-Algebra-System gearbeitet werden muss, treten auch algebraische Kenntnisse in den Hintergrund und es geht noch weniger um Mathematik und mehr um Begrifflichkeit. Die Eltern sind gezwungen teure Rechner oder Tablets zu kaufen, das Black-Box-Prinzip gewinnt Überhand. Ein Widerspruch zur eindeutig gegebenen Kompetenzorientierung der meisten der neuen Aufgaben.
Speziell zur standardisierten kompetenzorientierten schriftlichen Reifeprüfung 2016 noch drei Bemerkungen:

• Fairer wäre es gewesen, an den Anfang der 24 Aufgaben im Teil 1 die etwas leichteren zu stellen, damit die Maturantinnen und Maturanten nicht gleich entmutigt werden.
• Wenn nach vier Stunden Arbeitszeit noch eine Aufgabe zu bearbeiten ist, deren Basis an den Haaren herbeigezogen ist, dann kann das die Besten aus dem Konzept bringen. Zitat: „Ein Würfel ist „fair“, wenn die Wahrscheinlichkeit, nach einem Wurf nach oben zu zeigen, für alle Seitenflächen gleich groß ist.“ Einer der vorgegebenen drei Würfel zeigt aber auf zwei Seiten eine negative Zahl. Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, ist mir das nicht sehr fair vorgekommen. Wie mag es wohl einer Maturantin, einem Maturanten ergehen, wenn selbst mir als Lehrer diese Aufgabe als viel zu sehr konstruiert vorgekommen ist?
• Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind mit mir einer Meinung, dass ein paar Aufgaben „Fallen“ enthalten. Das ist nicht fair.

OStR Mag. Günther Biller
Bundesgymnasium Bregenz Blumenstraße
g.biller@schule.at

 

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung