Bildungsgerechtigkeit in Österreich

Rainer Gögele, 26.04.2017

Wenn die OECD in ihrer Studie Bildung auf einen Blick  auf das Thema Bildungsaufstieg bzw. –abstieg zu sprechen kommt, schneidet Österreich regelmäßig schlecht ab, so auch 2016. Die Zahl der Personen, die einen höheren Bildungsabschluss erreichen als ihre Eltern, ist deutlich niedriger als im OECD-Schnitt. Dies führt bei der Gesamtschullobby reflexartig zur Erneuerung der Forderung nach der gemeinsamen Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen, die, so die gängige Argumentation, mehr Gerechtigkeit und bessere Aufstiegsmöglichkeiten bringe.

Statistiken gegenüber ist eine gewisse Skepsis angebracht. Meist lohnt sich genaueres Hinschauen, also ein zweiter Blick. So auch in diesem Falle. Die OECD berücksichtigt nämlich die Eigenheiten des österreichischen Systems in völlig unzureichender Weise, weil sie nur drei Bildungsniveaus unterscheidet. Diese sind der Pflichtschulabschluss, der akademische Abschluss und alle dazwischen liegenden Abschlüsse. Was das konkret bedeutet, sei an zwei Beispielen erläutert. Wenn die Eltern eine Lehre abgeschlossen haben, die Tochter jedoch an einem Gymnasium die Matura ablegt, so bedeutet dies keinen Bildungsaufstieg. Ebenso wenig gilt es in dieser Systematik als Bildungsaufstieg, wenn die Eltern eine Fachschule abgeschlossen haben, der Sohn allerdings an einer Handelsakademie maturiert hat.

In beiden beschriebenen Beispielfällen wird sehr wohl von einem Bildungsaufstieg zu sprechen sein. Das hat zur Folge, dass die Systematik der OECD für das österreichische System untauglich ist. Um die Eigenheiten unseres Bildungssystems entsprechend zu berücksichtigen, ist es notwendig, fünf Bildungsniveaus zu unterscheiden, nämlich den Pflichtschulabschluss, die mittleren Schul- und Lehrabschlüsse, die Matura, Abschlüsse an Akademien und schließlich Universitäts- und (Fach)Hochschulabschlüsse.

Legt man nun diese Systematik als Maßstab an, wie dies die Denkfabrik Agenda Austria tut, so ergibt sich, dass Österreich in Wahrheit ein Land ist, in dem Bildungsaufstieg ein Programm für viele ist. Bei den 35 bis 45-Jährigen haben 45% einen höheren Abschluss als beide Eltern, 49% einen höheren Abschluss als der Vater und 67% einen höheren als die Mutter.

Damit ist auch klar, dass Österreich, das von der OECD als Land mit wenig Aussicht auf Bildungsaufstieg dargestellt wird, in Wirklichkeit genau das Gegenteil ist, nämlich ein Land, in dem der Bildungsaufstieg oft gelingt.

Für diejenigen, die sich nicht von der Gesamtschullobby einspannen lassen und sich weiterhin leisten wollen, die Dinge einer vertieften Betrachtung zu unterziehen, ein durchaus erfreulicher Befund! Zu hoffen ist, dass auch die politisch Verantwortlichen sich ausreichend informieren und diese Sachinformationen ihren Entscheidungen zugrunde legen. (Quelle: NEUE Vorarlberger Tageszeitung, 23.4.2017)

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung