Ganztagsschule

Anonym, 15.08.2012

Bildungs- contra Familienpolitik oder "Brave New World"

Die Vorteile einer Ganztagesschule sind schnell und einfach aufgezählt, aber bei der Vielfalt der Nachteile, muss man sich schon etwas mehr Zeit nehmen. Darum tut es auch keiner! Warum?

Sprachförderung und Integration: ist das wirklich ein Thema bei Kindern mit deutscher Muttersprache und einem aktiven Familienleben?

Nachmittagsbetreuung für Kinder berufstätiger Eltern:

Ein wichtiges Thema! Durch eine Ganztagesschule wird dieses Thema nicht lückenlos gelöst.  Ein Schuljahr hat ca. 15 Ferienwochen, ein berufstätiger, angestellter Elternteil aber nur 5 Wochen Urlaub. Selbst wenn Eltern zugemutet werden soll, den Urlaub getrennt voneinander zu verbringen, können schulfreie Tage damit nicht abgedeckt werden.

Ja, es gibt "Sammelstellen" für Ferienkinder, aber wollen Sie Ihre Ferien getrennt von Geschwistern und Freunden in einem völlig neuen und unbekannten Umfeld verbringen? Private Einrichtungen bieten schon jetzt eine ganzjährige Kinderbetreuung auch in den Ferienzeiten an. Diese werden schließen müssen, wenn sich die Nachfrage nach Betreuung nur mehr auf die Ferienzeiten beschränkt. Warum  wird nicht in eine ganzjährige Betreuung in Kindergärten und Horten investiert, um den Kindern und auch den Eltern eine gewohnte und vertraute Sicherheit zu verschaffen.

Hier schließt sich auch die Verkehrssicherheit der Kinder für gewohnte Wege und Verkehrsbedingungen an!

Die Ganztagesschule verhindert eine flexible Zeitgestaltung sowohl der Kinder als auch deren Geschwister und Eltern.

Verpflichtende Schulanwesenheit von Montag bis Freitag von 08:00 Uhr bis 15:30 Uhr!!!

Wochentags Eislaufen, Radfahren, Schwimmen, Arztbesuche, Musikstunde, Ballettunterricht ect. Ist leider erst ab frühestens 16 Uhr möglich-und dies gilt für betroffene Schulkinder, aber auch für alle anderen Familienangehörige – wird jetzt der 10 Stundentag für alle Kinder ab 6 Jahren eingeführt?

Oder soll in weiterer Folge die Teilzeitbeschäftigung abgeschafft werden?

Oder ist es erwünscht, dass individuelle Weiterbildung erst ab 10 oder 12 Jahren möglich sein kann?

Das Abwechseln von Unterrichts- und Freizeiteinheiten, über einen Tag verteilt, soll die Aufnahmefähigkeit der Kinder erhöhen.

Das mag´ schon sein, wenn es sich tatsächlich um "Freizeit" d.h. Zeit zur freien Verfügung handeln würde. Dies ist aber nicht der Fall. Selbstverständlich ist es nicht so, dass jedes Kind frei wählen kann, wie es diese Freistunden verbringen kann – und in jedem Fall sind diese Kinder immer unter  Aufsicht!

Möchten Sie Ihre Freizeit auch unter Beaufsichtigung Ihres Chefs und in einem Raum mit ca. 25 Arbeitskollegen verbringen?

Wird von unserer Jugend an den weiterführenden Schulen nicht verstärkt eigenständiges Erarbeiten des Lernstoffes erwartet? Wie soll eigenständiges Arbeiten möglich sein, wenn die Basis hierfür durch ein ganztägiges Schulsystem (u. a. Arbeiten mit Aufsicht) abgeschafft wird?

Zumindest sollte den Kindern einer Ganztagesschule ein eigener Rückzugsort zum Lesen oder Entspannen zur Verfügung gestellt werden, zudem ein genügend großer Grün- und Außenbereich und entsprechende Sporteinrichtungen um auch eine ausreichende Bewegungsfreiheit im körperlichen Bereich zu gewährleisten um Stress- und Aggressionspotenzial ausgleichen zu können.

Eine Schule, die über ausreichend räumliche Kapazitäten nicht verfügt, darf keine Ganztagesschule werden! Hier sei angemerkt, dass das gesetzliche Raumkonzept 1 Raum für 3 Klassen lautet.

Bei Massentierhaltung schrillen bereits unsere Alarmglocken, aber bei unseren Kindern, lassen wir das zu??

Unzureichend erwähnt wurde auch, dass in Ganztagesschulen nicht nur eine Essensbeitrag-  sondern auch ein Betreuungsentgeld zu leisten ist. Dies bedeutet, dass verpflichtend für jedes Kind ein Betrag von ca. € 180,--/Monat zusätzlich im Familienbudget zu veranschlagen sein wird.

"Nein" zu Studiengebühren, aber "Ja" zu Schulgeld im Pflichtschulbereich?

Konkret:

Am 20.12.2011! wurden die Eltern der VS Diesterweggasse, 1140 Wien, zu einem Informationsabend in die Schule geladen, wobei  bekannt gegeben wurde, dass diese Schule ab dem Schuljahr 2012/13 eine Ganztagesschule (auf dem begrenzten Schulareal wird bereits jetzt teilweise in Containerklassen unterrichtet!) werden wird.

Obwohl die Einschreibefrist für das kommende Schuljahr bereits abgelaufen ist (16.01. bis 27.01.2012), wird diese Schule auf deren Homepage, sowie auch auf sämtlichen Informationsseiten im Internet zum Thema Volksschule als "offene Volksschule" geführt!?

Gerüchteweise sollen sämtliche Wiener Volksschulen ab 2013 auf das System der Ganztagesschule umgestellt werden!! Veröffentlichungen zu diesem Thema sind aber nicht vorzufinden.

Vielleicht ist es ungewöhnlich, aber als Mutter fühle ich mich für die Erziehung, Bildung und Gesundheit meiner Kinder noch immer verantwortlich und erwarte ein transparentes Informationssystem, wenn es um die Zukunft meiner/unserer Kinder geht.

Vielleicht ist der Wunsch nach individueller  Sicherheit in diesem Zusammenhang ein Luxus, aber von diesem Thema sind nicht nur zahlreiche Kinder und Eltern betroffen, sondern auch sämtliche Pädagogen und solche, die es noch werden wollen und vor allem:  jeder Steuerzahler!

Es sollte zumindest eine Wahlmöglichkeit der Eltern bestehen bleiben, zu entscheiden, welches Schulkonzept für das Kind und die gesamte Familie am geeignetsten ist.

Daher:  Liebe Politiker, tut Etwas!

Mit freundlichen Grüßen

Eine betroffene Mutter
Wien, im Juni 2012

[Anm.: Der Name der Verfasserin ist dem Vorstand bekannt]

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung