Gedanken zu Bildung und Vielfalt

HR Mag. Henrike Kschwendt-Michel , 11.01.2012

       
 
 

Obwohl ich mehr als 40 Jahre im Bildungsbereich tätig war, halte ich mich nicht für eine weitere „Bildungsexpertin“ , doch habe ich als Lehrende an AHS und Universität, als Direktorin und Landesschulinspektorin sehr viele Erfahrungen gesammelt.

Immer an Schulentwicklung interessiert, machte ich zahlreiche, meist selbstfinanzierte Studienreisen in Europa und Übersee. Die Erkenntnisse aus dem Vergleich der Bildungssysteme in diesen Ländern fanden kaum das Interesse der Schulbehörde. Manches konnte ich in meinem unmittelbaren Wirkungsbereich umsetzen ohne lang zu fragen, anderes verschwand schlicht in irgend einer höheren Schublade.

Auch bin ich der ständigen Hinweise auf Finnland, der gewünschten „Finnlandisierung“ des österreichischen Schulwesens überdrüssig. Solche Aussagen können nur von Personen kommen, die eine bloß oberflächliche Kenntnis bzw. Kenntnis einzelner, ausgewählter Aspekte haben. Doch die Medien werden nicht müde, diese „Experten“ in Bild, Wort und Ton ausführlich zu präsentieren.

Seit ich im Ruhestand bin, kann ich als Lesepatin in einer Ganztagsvolksschule für mich ganz neue Einblicke gewinnen. Diese Schulform entspricht ja genau der von Ministerin Schmied angestrebten: Sozial und ethnisch durchmischte Klassen, verpflichtende Anwesenheit der Kinder von Montag bis Freitag von 8 bis 16h, eine zweite Lehrkraft, Schulhaus mit adäquaten Freiräumen, einer Bibliothek, einem Speisesaal... – also beste Voraussetzungen für erfolgreiches, gemeinsames Lernen aller Kinder, ungeachtet der Bildungsnähe bzw. Bildungsferne des Elternhauses.

Doch siehe da: in der 4. Klasse können nicht alle Kinder einigermaßen fließend lesen bzw. verfügen über das, vom Lehrplan geforderte Textverständnis. Und wieder einmal zeigt sich ganz deutlich, dass Chancengleichheit nicht losgelöst vom Elternhaus gesehen werden kann. Es geht nicht darum, dass Eltern mit ihren Kindern am Abend lernen oder Hausaufgaben machen (das sollte ja in der Schule erledigt worden sein), sondern es geht um den Stellenwert, dem Bildung, dem Lernen in der Familie eingeräumt wird. Schule und Lehrkräfte können nur ergänzen, aber nicht ersetzen, was von den Eltern nicht kommt /kommen kann.

In meinen Augen ist es ein Irrglaube, dass mit bloßen strukturellen Maßnahmen, wie der flächendeckenden Errichtung von GEMEINSAMEN GANZTAGSSCHULEN, alle Probleme schlagartig gelöst werden könnten.

Die zentrale Rolle spielen Lehrerinnen und Lehrer, ihr Wille zu Veränderungen in Denkweise (zuerst das Positive an einer Arbeit sehen und erst dann die Fehler suchen), ihre Hinwendung zu verstärkt schülerzentriertem Unterricht und ihre Bereitschaft zu Änderungen in manchen organisatorischen Strukturen.

Der Großteil der Lehrkräfte, die ich in meiner fast 45 jährigen Berufslaufbahn kennen gelernt habe, waren mit viel Freude, Ideenreichtum und fachlicher Kompetenz bei ihrer Tätigkeit.

Mit solchen Lehrkräften, einer Schulleitung, die für Neues und Kreatives offen ist und tatkräftig unterstützt, und mit einigen nötigen strukturellen bzw. organisatorischen Anpassungen kann Schule erfolgreich gestaltet werden: Eine Schule, die durch Vielfalt den individuellen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen nachkommt; eine Schule, die Leistung fordert und anerkennt.

HR Mag. Henrike Kschwendt-Michel
LSI i.R.
2012 01 08

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung