Was ist los mit unserer Schule?

Hofrat Dr. Margarete Schuster, 14.07.2011

Ich weiß, wovon ich rede: 40 Jahre Berufserfahrung als Lehrerin, als Direktorin, als Landesschulinspektorin; 20-jähriges Engagement bei den Schulversuchen der Jahre ca. 1972 – 1992. Mitarbeit bei der Erstellung der neuen Lehrpläne für die Oberstufe der Allgemeinbildenden Höheren Schule. Es wurde viel Geld investiert für 21 Versuchsschulen in ganz Österreich. Es gab drei Schulversuchsmodelle. Die Erkenntnisse nach Abschluss der Versuche wurden wohl nur zum Teil umgesetzt. Vieles aber wurde angedacht.


Vieles, was als vehemente Forderung neuerdings gestellt wurde, wird zu einem wesentlichen Teil ohnehin seit Jahren praktiziert. Zum Beispiel kann der Schüler mit einem „Nicht genügend“ aufsteigen, wenn die Leistungen in anderen Fächern zufriedenstellend sind; bei zwei „Nicht genügend“ kann der Schüler im Herbst zu Wiederholungsprüfungen antreten. Schafft er nur eine Prüfung, kann wieder die Konferenz entscheiden, ob der Schüler mit dieser einen Schwachstelle aufsteigen kann. Also: Der Schüler hat die Chance, wenn er den Sommer zum Aufsteigen teilweise „opfert“, ohne weitere Belastung aufzusteigen.


Das Oberstufenrealgymnasium wurde für Hauptschüler geschaffen, damit sie die Chance haben, bei gutem Erfolg in der Hauptschule genau so wie die „Langformschüler“ mit Matura abzuschließen. Die Erfahrung lehrt, dass mindestens die Hälfte der Maturanten, die mit „gutem“ Erfolg abschließen, aus der Hauptschule kommen. Wieso das? Weil AHS-Schüler normalerweise nur dann in das Oberstufenrealgymnasium wechseln, wenn ihre Leistungen in der Unterstufe schwach waren; das sind vor allem Schüler, die nicht unter übertriebenem Fleiß oder übertriebenem Engagement leiden, die eine Erleichterung erhoffen und zu spät merken, dass man auch im ORG Leistungen erbringen muss.


Jedenfalls gibt es die Möglichkeit, dass man erst mit 14 Jahren entscheiden kann, ob man in eine höhere Schule gehen will. Diese Schulform ist ganz wichtig für Schüler in ländlichen Bezirken, da die Eltern nicht Zehnjährigen einen weiten Schulweg zumuten wollen.
Wessen aber bedarf es, unsere Schulen zu verbessern? (Das Krankreden ist jedenfalls kontraproduktiv.)


Ganz wesentlich ist die Auswahl und die Ausbildung der Lehrer. Wenn ein Lehrer schon mit 40 Jahren ein Burn-out-Syndrom hat, hat er sich den falschen Beruf gewählt. Es müssten alle verfügbaren Psychotests angewendet werden, denen sich Anwärter– zu ihrem eigenen Nutzen – unterziehen sollten. Es kann nicht sein, dass ein Student, der sich für ein bestimmtes Fach begeistert, aber eigentlich nicht weiß, was er beruflich damit anfangen kann, dann sagt: Mach ich halt das Lehramt.


Natürlich ist eine gediegene Fachausbildung dringend nötig; aber dieses Wissen „an den Mann / die Frau zu bringen“, muss entsprechend vermittelt werden. Entsprechend!


Der Lehramtsstudent muss intensiv in der Jugendpsychologie ausgebildet werden. Er wird mit den schwierigsten Entwicklungsjahren des jungen Menschen konfrontiert. Pubertät ist für alle, die mit Jugendlichen zu tun haben, sowohl für Eltern als auch für Lehrer, eine Herausforderung. Da gibt es Angebote, die an die Jugend herankommen, mit denen man rechnen muss: Fernsehen, viel mehr Computer, Jugendgangs etc. Diese Jugendlichen muss der Lehrer gewinnen. Daher muss er didaktisch und methodisch ganz intensiv gebildet werden. Ein paar Beispiele: Der Schüler soll in Lerntechniken eingeführt werden. Gedächtnistraining ist ganz wichtig, die individuelle Lernfähigkeit, die individuelle Zeiteinteilung, der individuelle Ermüdungsrhythmus müssen dem Schüler bewusst gemacht werden. Der Lehrer selbst soll im Verlauf der Unterrichtsstunde die „Konzentrationskurve“ berücksichtigen, eventuell im Verlauf der Unterrichtsstunde Methoden wechseln (er hat es ja mit Individuen zu tun). Zum Beispiel ist Überraschung eine oft erfolgreiche Möglichkeit, die lahmende Aufmerksamkeit zu aktivieren.


Das große Ziel ist, den Schüler zum Mittun zu motivieren. Ein Auto anzuschieben ist nur auf kurzer Strecke möglich. Der Motor muss in Funktion gebracht werden, dann aber selbst seine Arbeit tun – natürlich mit Hilfe des Gashebels.


Aber was hilft die Theorie, wenn diese Wege nicht frühzeitig erprobt werden? Daher sollten die Studenten möglichst früh mit jugendlichen Gruppen konfrontiert werden.
Es hat sich erwiesen, dass Lehrer, die in Jugendorganisationen gearbeitet haben, z.B. Pfadfinder oder Pfarrjugend, auch politische Jugendverbände, ein unschätzbares Know-how mitbrachten. Auch methodische Tricks kennen sie, z.B. wie man Aufmerksamkeit gewinnt, wie man Streit schlichten kann, etc.


Wir haben also einen in jeder Hinsicht gut ausgebildeten Lehrer – und trotzdem: es funktioniert nicht in der Klasse. Wenn alle Beratungen, Hilfe des Lehrerkollegs, des Direktors nichts nützen, dann muss es möglich sein, diesem Akademiker eine andere Chance zu geben. Hier bedarf es intensiver Überlegungen: Administration, Bibliotheksdienst, andere Möglichkeiten, die die Autorin selbst noch nicht weiß. Es ist ihr als Direktorin und Landesschulinspektorin nur ganz wenige Male gelungen (Alkohol, Psychopathie), untragbare Lehrer aus dem Lehrberuf zu entfernen – auch das nur durch Zureden.


Weiters aber muss das System Schule so beschaffen sein, dass wohl gediegen ausgebildete, aber doch in ihrer Wirkung „mittelmäßige“ Lehrer gehalten werden können. Keine Berufsgruppe hat nur Genies zur Verfügung – das würden die Schüler auch schwer ertragen – ein gediegener Durchschnitt muss von der Lehrergemeinschaft und natürlich vom Direktor gehalten werden können. Teamgeist ist gefragt, Kollegialität. Das richtige Wort des Klassenvorstands kann schon Wunder wirken.


Das A und O all dieser Probleme ist natürlich der Mensch, nicht nur in der Schule, aber dort besonders. Fehler gegenüber Jugendlichen können sich für diese fatal auswirken. Dieser Mensch Lehrer muss Freude, Mut, Kraft ausstrahlen können, aber durchaus auch seine Schwächen eingestehen. Er muss Menschen, auch schwierige, mögen, er soll nach Möglichkeit Humor haben. Trotz allem: Lehrer sein ist eine schöne Sache!

Hofrat Dr. Margarete Schuster

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung