IMAS-Umfrage: Zufriedenheit

Günter Schmid, 14.07.2011

Schule: Die Österreicher sind recht zufrieden

Die österreichische Bevölkerung ist in relativ hohem Ausmaß zufrieden mit den Leistungsanforderungen in den heimischen Schulen. Letztere werden auch als eher besser eingeschätzt als die Schulen der meisten anderen EU-Länder. Das zeigt die dritte Etappe der Bildungsstudie, die IMAS für die „Bildungsplattform Leistung & Vielfalt“ erstellt hat. IMAS-Experte Andreas Kirschhofer: „Schulreformen haben offensichtlich keine hohe Priorität.“

IMAS hat 1000 Österreichern folgende Frage gestellt: „Wird in den österreichischen Schulen eher zu viel oder zu wenig von den Schülern verlangt?“ Die größte Gruppe – 34 Prozent – sagt, dass die Anforderungen „gerade richtig“ sind. Dieses Ergebnis wird dadurch noch verstärkt, dass praktisch gleich viele der Befragten entweder meinen, dass „eher zu viel“ (23 Prozent) bzw. „eher zu wenig“ verlangt werde (24 Prozent).
Lediglich die Wiener (35 Prozent), die ÖVP-Wähler (30 Prozent) sowie Maturanten und Uni-Absolventen (34 Prozent) sind überdurchschnittlich oft der Meinung, dass an unseren Schulen zu wenig verlangt werde.
Der Vorsitzende der Bildungsplattform, Günter Schmid, kommentiert das Ergebnis so: „Die Panikmache mancher Politiker, dass im Schulsystem wegen angeblicher katastrophaler Qualitätsmängel zwanghafte Veränderungen um jeden Preis notwendig seien, deckt sich absolut nicht mit der Meinung der Bevölkerung.“
Das zeige sich auch bei einem weiteren Ergebnis dieser Studie, ergänzt Schmid. Die Fragestellung „Halten Sie unser Schulsystem alles in allem eher für besser oder eher für schlechter als das der meisten anderen europäischen Länder?“ ergab das gleiche, sehr ausgewogene und relativ kritikarme Bild: 28 Prozent halten unser Schulsystem für besser, 26 Prozent sehen keinen Unterschied, und nur 25 Prozent sind der Meinung, dass es eher schlechter sei. 21 Prozent maßen sich zu dieser Frage kein Urteil an.

Besonders angetan sind überraschenderweise die Grünwähler von den österreichischen Schulen: nicht weniger als 40 Prozent halten diese für besser, nur 19 Prozent für schlechter als die Schulen anderer europäischen Länder. Allerdings verweist Kirschhofer darauf, dass die Aussagen der Grünen wegen der relativ geringen Fallzahl nicht mehr als ganz repräsentativ gewertet werden können.

Aber auch mit ihrer eigenen Bildung und ihrem eigenen Wissen sind die Österreicher im Großen und Ganzen zufrieden: nämlich nicht weniger als 61 Prozent. Nur 28 Prozent zählen sich selbst zu jenen, „die insgeheim mehr Bildung und Wissen haben möchten“. Auch bei jenen, die nur eine Pflichtschule absolviert haben, sind immer noch 57 Prozent mit ihrer eigenen Bildung und ihrem eigenen Wissen zufrieden.

Wenn man jene 28 Prozent Unzufriedenen nach den Ursachen ihrer Unzufriedenheit mit der eigenen Bildung fragt, geben doppelt so viele sich selbst die Schuld („nicht genügend hineingekniet“) wie dem Schulsystem.
Das Urteil über die österreichischen Schulen wurde schließlich noch mit einer weiteren Frage konkretisiert: „Wie beurteilen Sie ganz allgemein unser Schulsystem: Glauben Sie, dass Österreich ein sehr gutes und modernes Schulsystem besitzt, oder gibt es Ihrer Meinung nach vieles, was anders und besser sein soll?“
Dass „vieles“ besser sein sollte, glauben gar nur 20 Prozent, dass „einiges“ besser sein sollte, meinen jedoch 38 Prozent. Und 30 Prozent finden überhaupt, dass Österreich ein gutes und modernes Schulsystem habe. Bildungsexperte Günter Schmid: „Auch bei dieser Frage herrscht offensichtlich viel Gelassenheit, ganz im Gegensatz zur Hysterie in der Politik und in manchen Medien. Das heißt aber keinesfalls, dass man die Hände selbstzufrieden in den Schoß legen kann und darf. Schon gar nicht heißt es freilich, dass jede Veränderung allein um der Veränderung willen grundsätzlich positiv ist, wie dies aus manchen Aktionen der Unterrichtsministerin abzuleiten wäre.“

Verheerend fallen die Antworten jedoch für Wien aus: Während etwa die Oberösterreicher über ihre Schulen jubeln – 47 Prozent sehen sie als gut und modern an –, sind nur 14 Prozent der Wiener dieser Meinung. Schmid: „In Wien ist alles andere als Gelassenheit am Platz. Hier wurde die Schule offensichtlich schon schwer beschädigt, was wahrscheinlich nicht nur mit dem relativ hohen Anteil von Ausländern aus bildungsfernen Schichten zusammenhängt, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse in die Schule kommen, sondern auch damit, dass Wien als erstes Land die Hauptschule durch die diversen Varianten einer Gesamtschule zu ersetzen begonnen hat.“

Dementsprechend hat die – offensichtlich politisch gelenkte, insgesamt mäßig erfolgreiche – Propagandamaschinerie für das Hannes-Androsch-Bildungsvolksbegehren in Wien noch relativ am besten gegriffen: Dort können nur 30 Prozent „gar nicht erklären“, worum es bei diesem Volksbegehren eigentlich geht und was damit bezweckt werden soll. In allen anderen Bundesländern liegt der Anteil der Ratlosen bei jeweils über 40 Prozent. Österreichweit können nur 11 Prozent genau erklären, worum es bei diesem Volksbegehren geht, 37 Prozent können es ungefähr erklären, 41 Prozent gar nicht. 11 Prozent haben auf diese Frage die Antwort verweigert.

Schmid: „Diese Werte lassen befürchten, dass die einschlägigen Medien in einem Verzweiflungsakt jetzt eine noch größere Propagandalawine für Androsch vom Stapel lassen werden. Aber warten wir ab, ob sich die Österreicher auf diese billige Weise manipulieren lassen!“

Die Gesamtbilanz des IMAS-Chefs Andreas Kirschhofer zu der großen Bildungsstudie für die „Bildungsplattform Leistung & Vielfalt“ – wobei er auch sein Wissen aus anderen Studien einfließen lässt: „Die Bildungsdiskussion läuft bei uns zu einseitig und dreht sich nur um die Schule; es muss aber um die Bildung in voller Breite gehen. Wir brauchen ein neues Berufsverständnis, das Werte wie Verantwortung, Initiative und Flexibilität ins Zentrum rückt. Wir brauchen vor allem ein viel stärkeres Verständnis für die Bedrohung durch jüngere und dynamischere Gesellschaften und Völker. Das wird zu einer Überlebensfrage für Österreich.“
(Die genauen Details der Umfrage, die im Mai und Juni unter 1000 repräsentativ ausgewählten und „face to face“  Befragten durchgeführt worden ist, findet man auf www.bildungsplattform.or.at)

  • (17.12.2018)

    Wir empfehlen die Unterzeichnung folgender Online-Petition: https://www.openpetition.eu/at/petition/online/fuer-eine-qualitative-lehramtsausbildung